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Gibt es zwei Arten von Autismus? - Andi - 16.11.2025

Nicht dasselbe: Hinter dem Begriff Autismus könnten sich zwei verschiedene neuropsychologische Störungen verbergen, wie Genomanalysen nahelegen. Die beiden Autismus-Typen unterscheiden sich demnach sowohl genetisch als auch in ihrem Verlauf. Der erste Typ beginnt schon im Kleinkindalter und bleibt dann relativ stabil. Der zweite Typ entwickelt sich erst in der Pubertät und ist eng mit psychischen Erkrankungen wie ADHS oder Depressionen verknüpft, wie Forschende in „Nature“ berichten.

Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die typischerweise im Kindesalter auftritt. Betroffene haben oft Probleme mit sozialen Interaktionen, nichtverbaler Kommunikation und reagieren überempfindlich auf Reize. Die Ursachen für dieses Syndrom sind jedoch ungeklärt. Im Verdacht stehen genetische Faktoren, aber auch Viren, Schadstoffe und Hormonstörungen beim ungeborenen Kind. Widerlegt ist hingegen die Vermutung, dass Impfungen im Kleinkindalter Autismus auslösen.

autistisches Kind
Menschen mit Autismus haben oft schon als Kind Schwierigkeiten bei sozialer Interaktion und Kommunikation.

Frühe und späte Diagnosen
Eine Frage war jedoch bisher noch offen: Warum zeigen sich bei einigen Menschen mit Autismus die Symptome erst später – meist sogar erst in der Pubertät? „Autismus wurde lange als eine Störung betrachtet, die im frühen Kindesalter auftritt. Allerdings erhalten inzwischen immer mehr autistische Menschen ihre Diagnose erst ab dem mittleren Kindesalter oder später“, erklären Xinhe Zhang von der University of Cambridge und ihre Kollegen.

Aber warum? Hängt dies nur mit den Diagnosemethoden zusammen oder damit, dass leichtere Formen des Autismus oft erst später erkannt werden? Oder stecken reale Unterschiede dahinter? Um das zu klären, haben Zhang und ihr Team die medizinischen und genetischen Daten mehrerer großer Studien mit insgesamt mehr als zehntausend Personen mit Autismus ausgewertet. Dabei analysierten sie sowohl den Verlauf und die Ausprägung des Syndroms als auch mögliche genetische Auslöser.

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Zwei verschiedene Gruppen von genetischen Auslösern
Die Analysen ergaben: Die Unterschiede im Autismusbeginn sind weder Zufall noch Folge der Diagnosemethoden. Stattdessen sind sie wahrscheinlich Ausdruck von zwei verschiedenen Formen des Autismus, wie Zhang und ihre Kollegen berichten. Dies zeigt sich zum einen in den Genen. Demnach wird Autismus zwar durch viele verschiedene Risikogene begünstigt. Diese polygenetische Basis ist aber bei den beiden Formen nicht dieselbe, wie die Analysen ergaben.

„Die hierarchische Gruppierung der genetischen Korrelationen zeigt zwei breite, teils überlappende Cluster, die sich im Alter der Autismus-Diagnose unterscheiden“, berichten die Forschenden. Diese beiden Gruppen von Risikogenen waren auch dann noch erkennbar, wenn Faktoren wie Geschlecht, soziale Umstände oder Intelligenz berücksichtigt wurden.

Unterschiede auch in Verlauf und Begleiterkrankungen
Diese genetischen Unterschiede sind eng mit dem Verlauf der autistischen Störung verknüpft: Schon im Kleinkindalter diagnostizierte Autisten zeigen schon früh verringerte soziale und kommunikative Fähigkeiten, dafür bleiben die Symptome im Lebensverlauf weitgehend stabil. Zusätzliche psychische Erkrankungen wie Depressionen oder ADHS sind eher selten.

„Demgegenüber ist die zweite Risikogen-Gruppe mit einer späteren Autismus-Diagnose verknüpft und mit zunehmenden sozioemotionalen und Verhaltensproblemen in der Pubertät“, erklären Zhang und ihr Team. Zudem leiden Menschen mit dieser Autismusform häufiger an ADHS, Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen. Unter den Betroffenen dieses spätauftretenden Autismus sind zudem mehr Frauen als bei der Kleinkindform.

Hilfe bei der Ursachenfahndung
Nach Ansicht von Zhang und ihren Kollegen stützen diese Resultate die Annahme, dass sich hinter dem Sammelbegriff „Autismus“ mehrere Phänomene mit unterschiedlichen Ursachen, Entwicklungsverläufen und Begleiterkrankungen verbergen. Das Wissen um diese verschiedenen Formen könnte dabei helfen, das noch immer rätselhafte Phänomen Autismus und seine Ursachen besser zu verstehen.

Wenn klarer ist, mit welchen Genen, Verläufen und zeitlichen Mustern die verschiedenen Autismusformen verbunden sind, dann könnte dies die Suche nach nicht-genetischen Ursachen erleichtern. Denn Gene sind nur zu rund elf Prozent verantwortlich, wie Zhang und ihre Kollegen ermittelt haben.

„Unsere Resultate haben Auswirkungen darauf, wie wir neurodevelopmentale Störungen im Allgemeinen verstehen und wie wir Diagnosen, Geschlechts- und Genderunterschiede sowie begleitende Gesundheitsprofile bei Autismus betrachten“, schreiben die Forschenden. Sie betonen aber auch, dass noch weitere Forschung nötig ist. 


Quelle